Andreas Kirchner

ADHS und der Bauch: Was eine Auswertung mit 1,9 Millionen Menschen zeigt
– Beitrag

Es gibt einen Satz, den ich in meiner Praxis erstaunlich oft höre. Er fällt meistens nebenbei, wenn es eigentlich um Konzentration geht oder um verpasste Fristen. Der Satz lautet: Und dann ist da noch mein Magen, aber man hat mir gesagt, das sei psychisch.

Dahinter stecken oft Jahre. Untersuchungen, bei denen nichts gefunden wurde. Diäten, die nichts gebracht haben. Und irgendwann der Eindruck, man bilde sich das alles ein.

Seit diesem Jahr gibt es dazu Zahlen.

Was untersucht wurde

Ein Team der Warwick Medical School in England hat zusammengetragen, was zu diesem Thema weltweit erforscht wurde. 23 Untersuchungen, zusammen mehr als 1,9 Millionen Menschen aus elf Ländern, im Alter von zwei bis 65 Jahren. Ausgeschlossen wurden alle, bei denen eine strukturelle Darmerkrankung bekannt war, also zum Beispiel Morbus Crohn oder Colitis ulcerosa.

Das Ergebnis: Menschen mit ADHS haben ein 48 Prozent höheres Risiko für funktionelle Magen-Darm-Beschwerden als Menschen ohne ADHS.

Funktionell heißt nicht eingebildet

Funktionelle Beschwerden sind solche, bei denen die Untersuchung nichts findet. Die Darmspiegelung ist unauffällig, die Blutwerte sind in Ordnung, und trotzdem funktioniert es nicht. Fachlich geht man davon aus, dass die Verständigung zwischen Darm und Gehirn gestört ist, nicht das Organ selbst.

Dazu gehören der Reizdarm, chronische Verstopfung, immer wiederkehrende Bauchschmerzen und Beschwerden, die man umgangssprachlich als empfindlichen Magen abtut.

Bei den einzelnen Beschwerden wird das Bild deutlicher. Verstopfung kommt bei ADHS etwa doppelt so häufig vor, Durchfall ebenfalls. Bei Stuhlinkontinenz liegt das Risiko sogar mehr als viermal so hoch. Auch Bauchschmerzen, Reizdarm und Verdauungsbeschwerden treten häufiger auf.

Drei Dinge, die in keine Schlagzeile passen

Bevor daraus eine neue Sorge wird, drei Einordnungen, die zur Ehrlichkeit gehören.

Erstens ist das ein Zusammenhang und kein Beweis für eine Ursache. Niemand kann derzeit sagen, was hier woraus folgt.

Zweitens haben die meisten dieser Untersuchungen nicht danach getrennt, wer Medikamente nimmt und wer nicht. Stimulanzien können selbst auf den Magen schlagen, Appetitverlust ist eine der häufigsten Nebenwirkungen.

Drittens gibt es naheliegende Erklärungen, die nichts Geheimnisvolles haben. Unregelmäßig essen. Mahlzeiten vergessen und abends alles nachholen. Im Hyperfokus stundenlang nicht aufstehen, auch nicht, wenn der Körper etwas anderes will. Wenig trinken. Schlecht schlafen. Dauerstress. Das nimmt jeder Bauch übel, mit und ohne ADHS.

Diskutiert werden außerdem Veränderungen der Darmflora und eine veränderte Wahrnehmung von Körpersignalen. Beides ist plausibel, beides ist noch nicht geklärt.

Warum ich trotzdem darüber schreibe

Weil der Effekt im Sprechzimmer ein anderer ist als in der Studie.

Wer seit Jahren mit dem Bauch zu tun hat und dafür keine Erklärung bekommt, entwickelt irgendwann eine zweite Last: das Gefühl, sich anzustellen. Genau diese Last fällt weg, wenn jemand erfährt, dass es ein bekanntes Muster gibt, das eine Million Mal beschrieben wurde.

Und es hat praktische Folgen. Wer weiß, dass Essen, Trinken und Pausen bei ADHS keine Nebensache sind, sondern Teil der Grundwartung, geht anders damit um. Es ist ein Unterschied, ob man sich zwingt, regelmäßig zu essen, weil es gesund ist, oder weil man verstanden hat, warum ausgerechnet dieses Gehirn das nicht von allein hinbekommt.

Was du damit anfangen kannst

Sprich es an. Beim Hausarzt, beim Gastroenterologen, beim Psychiater, der die ADHS behandelt. Nicht als Vermutung, sondern als Beobachtung: Ich habe ADHS, ich habe seit Jahren Beschwerden im Bauch, es gibt dazu inzwischen Daten.

Schau auf die Grundlagen, bevor du an Diäten denkst. Feste Essenszeiten, auch wenn kein Hunger da ist. Etwas trinken, das in Sichtweite steht. Pausen, die im Kalender stehen und nicht im Kopf. Das klingt banal und ist bei einem Rennwagengehirn die schwerste Übung überhaupt.

Und wenn Medikamente im Spiel sind: Beschwerden gehören besprochen, nicht ausgehalten. Dosis, Einnahmezeitpunkt und Präparat lassen sich anpassen.

Quelle

Blake, S., Cannon, H., und Shantikumar, S. (2026). The association between attention-deficit hyperactivity disorder and gastrointestinal symptoms: A systematic review and meta-analysis. Journal of Attention Disorders. doi 10.1177/10870547261469626

Zum Schluss

Dieser Artikel ersetzt keine Untersuchung. Er soll nur dafür sorgen, dass du beim nächsten Termin einen Satz mehr sagst als bisher.

Wenn du wissen willst, ob hinter deinen Schwierigkeiten eine ADHS steckt: In meiner Praxis in Karlsruhe gibt es dafür eine klinisch-psychologische Abklärung mit Befundbericht. Der erste Schritt kostet dich nichts.

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