Viele Menschen, die zu mir kommen, haben eine lange Behandlungsgeschichte hinter sich. Sie waren beim Hausarzt, oft auch beim Psychiater, sie haben Antidepressiva genommen, manche über Jahre. Und trotzdem hat sich nie das eingestellt, was sie sich erhofft hatten.
Das liegt selten daran, dass jemand einen Fehler gemacht hat. Es liegt daran, was ein Arzt sieht, wenn Sie zu ihm kommen.
Sie gehen nicht wegen ADHS zum Arzt
Niemand betritt eine Praxis und sagt: Ich habe eine Aufmerksamkeitsstörung. Sie gehen hin, weil Sie am Ende sind. Weil Sie nicht mehr schlafen, weil nichts mehr Freude macht, weil Sie morgens nicht aus dem Bett kommen.
Und was der Arzt sieht, ist eine Erschöpfung, eine Niedergeschlagenheit, eine Angst. Also wird behandelt, was zu sehen ist. Das ist medizinisch völlig richtig.
Der Haken ist nur: Wenn diese Erschöpfung die Folge von etwas anderem ist, dann behandeln Sie den Rauch und nicht das Feuer.
Warum sich das so ähnlich anfühlt
Depression und ADHS teilen sich an der Oberfläche mehrere Beschwerden. Konzentrationsprobleme. Antriebslosigkeit. Das Gefühl, nichts auf die Reihe zu bekommen. Vergesslichkeit. Innere Unruhe.
Der Unterschied liegt im Verlauf und in der Richtung.
Bei einer Depression sind diese Beschwerden neu oder deutlich verschlechtert. Es gibt ein Vorher, in dem es besser war. Bei ADHS ziehen sie sich durch das ganze Leben, seit der Schulzeit, mit besseren und schlechteren Phasen, aber ohne echtes Vorher.
Und die Reihenfolge ist entscheidend. Bei einer Depression kommt die gedrückte Stimmung zuerst, die Konzentrationsprobleme folgen. Bei ADHS ist es umgekehrt: Erst kommen die Jahre, in denen nichts gelingt, obwohl Sie sich mehr angestrengt haben als andere. Die Niedergeschlagenheit ist die Rechnung dafür.
Beides zugleich ist eher die Regel
Wichtig, damit hier kein falscher Eindruck entsteht: Es geht nicht darum, dass die eine Diagnose die andere ausschließt.
Bis zu neun von zehn Erwachsenen mit ADHS haben mindestens eine weitere psychische Erkrankung, und Depression steht dabei an erster Stelle. Beides kann gleichzeitig bestehen und muss dann auch beides behandelt werden.
Und deshalb ist auch eines wichtig zu sagen: Wenn Sie ein Antidepressivum nehmen, setzen Sie es bitte niemals eigenmächtig ab, auch nicht nach einer frischen ADHS-Diagnose. Das gehört in die Hand Ihrer Ärztin.
Was das für Sie heißt
Wenn Sie seit Jahren wegen einer Depression oder einer Angststörung behandelt werden und trotzdem das Gefühl haben, dass etwas nicht erfasst ist, dann ist das ein Grund, genauer hinzuschauen. Nicht, um die bisherige Behandlung infrage zu stellen, sondern um sie zu ergänzen.
Die entscheidende Frage lautet: Gab es jemals eine Zeit, in der das alles nicht so war? Wenn Sie darauf keine Antwort finden, lohnt sich eine Abklärung.
Andreas Kirchner, M.Sc., klinischer Psychologe
Heureka Therapie, Karlsruhe