Die Zahl der Angebote für eine ADHS-Abklärung bei Erwachsenen ist in den letzten Jahren stark gestiegen. Das ist erst einmal gut, denn der Bedarf ist riesig und die Wartezeiten bei Kassensitzen liegen oft bei vielen Monaten. Gleichzeitig ist der Markt unübersichtlich geworden, und nicht jedes Angebot hält, was es verspricht.
Als klinischer Psychologe mit Schwerpunkt ADHS im Erwachsenenalter sehe ich regelmäßig Menschen, die bereits eine Abklärung hinter sich haben und trotzdem nicht weiterwissen. Deshalb hier die Punkte, an denen Sie Qualität erkennen. Sie können damit jedes Angebot prüfen, auch meines.
Eine Diagnose entsteht nicht aus einem Fragebogen
Fragebögen sind wichtig, aber sie sind ein Baustein und nicht das Ergebnis. Wenn Ihnen jemand nach einem einzigen Online-Test eine Diagnose stellt, ist das keine Diagnostik.
Eine ordentliche Abklärung besteht aus mehreren Teilen, die sich gegenseitig absichern: ein ausführliches Gespräch über Ihr heutiges Leben, ein strukturiertes Interview entlang der diagnostischen Kriterien, standardisierte Fragebögen und die Prüfung möglicher anderer Ursachen. Das dauert in der Regel mehrere Termine.
Die Kindheit muss zur Sprache kommen
Das ist der Punkt, an dem die meisten unzureichenden Abklärungen scheitern.
ADHS ist keine Erkrankung, die man mit vierzig entwickelt. Für die Diagnose müssen Hinweise darauf vorliegen, dass die Auffälligkeiten bereits in der Kindheit bestanden. Wenn in Ihrer Abklärung niemand nach Ihrer Schulzeit fragt, nach alten Zeugnissen, nach Erinnerungen von Eltern oder Geschwistern, dann fehlt ein Kernkriterium.
Mein Tipp: Suchen Sie vor dem Termin heraus, was Sie an alten Zeugnissen finden. Vor allem die Bemerkungen aus der Grundschule sind oft aufschlussreich. Und sprechen Sie, wenn möglich, mit jemandem, der Sie als Kind erlebt hat.
Es muss ernsthaft geprüft werden, ob es etwas anderes ist
Vieles sieht aus wie ADHS und ist etwas anderes. Eine Depression kann Konzentration, Antrieb und Gedächtnis massiv beeinträchtigen. Eine Angststörung ebenso. Dazu kommen Schlafstörungen, darunter die oft übersehene Schlafapnoe, Schilddrüsenfunktionsstörungen, die Folgen von andauerndem Stress, Substanzkonsum und Traumafolgen.
Umgekehrt bestehen diese Dinge häufig gleichzeitig mit ADHS. Bis zu neun von zehn Erwachsenen mit ADHS haben mindestens eine weitere psychische Erkrankung.
Eine gute Diagnostik klärt deshalb nicht nur die Frage entweder oder, sondern auch die Frage vielleicht beides. Wer das nicht sauber auseinandersortiert, kommt zu einem Ergebnis, das Ihnen nichts nützt.
Ein Nein ist auch ein Ergebnis
Eine ehrliche Abklärung kann damit enden, dass Sie kein ADHS haben.
Das ist kein schlechtes Ergebnis und kein vergeudetes Geld. Es bedeutet, dass weitergesucht wird, bis klar ist, was tatsächlich los ist. Wenn Sie den Eindruck haben, dass ein Anbieter nur bestätigt, was Sie ohnehin schon vermuten, seien Sie vorsichtig. Ein Ergebnis, das von vornherein feststeht, ist keine Diagnostik.
Was am Ende herauskommen sollte
Sie sollten einen schriftlichen Befund erhalten, den Sie weitergeben können. An Ihre Hausärztin, an einen Psychiater, an einen Arbeitgeber, wenn Sie das möchten, oder an niemanden.
Und Sie sollten wissen, wie es weitergeht. Eine Diagnose allein verändert nichts. Was hilft, ist die Kombination aus Verstehen, konkreten Werkzeugen für den Alltag und, wenn es sinnvoll ist, einer ärztlich begleiteten medikamentösen Behandlung.
Eine Anmerkung zur Zuständigkeit
Ich bin klinischer Psychologe, kein Arzt. Ich verschreibe keine Medikamente, und ich halte es für wichtig, das früh zu sagen. Wenn eine medikamentöse Behandlung in Frage kommt, arbeite ich mit Ärztinnen und Ärzten zusammen und sorge dafür, dass Sie mit einem belastbaren Befund in dieses Gespräch gehen.
Zum Schluss
Wenn Sie unsicher sind, ob eine Abklärung für Sie überhaupt sinnvoll ist, muss das nicht gleich ein großer Schritt sein. Sprechen Sie vorher mit jemandem darüber. In meiner Praxis dauert dieses erste Gespräch fünfzehn Minuten und kostet nichts.
Andreas Kirchner, M.Sc., klinischer Psychologe
Heureka Therapie, Karlsruhe