Andreas Kirchner

Warum Frauen ihre ADHS-Diagnose oft erst mit vierzig bekommen
– Beitrag

Ein großer Teil der Menschen, die zu mir in die ADHS-Abklärung kommen, sind Frauen zwischen fünfunddreißig und fünfzig. Fast alle stellen früher oder später dieselbe Frage: Warum hat das nie jemand gesehen?

Die Antwort hat wenig mit ihnen zu tun und viel mit einem Bild, das sich festgesetzt hat.

Das Bild vom zappelnden Jungen

Über Jahrzehnte galt ADHS als etwas, das laute, unruhige Jungen betrifft. Ein Kind, das aufsteht, dazwischenredet, den Unterricht stört. Genau dieses Kind fällt auf, und deshalb wurde es untersucht.

Ein Mädchen, das verträumt aus dem Fenster schaut, stört niemanden. Es wird nicht auffällig, es wird übersehen. Die Hyperaktivität ist bei vielen Frauen nach innen gewandert. Aus dem Kind, das nicht stillsitzen kann, wird die Erwachsene, deren Kopf nicht stillsteht.

Was stattdessen gesagt wurde

Die meisten Frauen, mit denen ich arbeite, haben ihr Leben lang Erklärungen bekommen. Nur die falschen.

Du bist zu empfindlich. Du machst dir zu viele Gedanken. Du musst dich einfach besser organisieren. Du bist eben chaotisch. Und irgendwann glaubt man das.

Dazu kommt etwas, das in der Fachsprache Masking heißt, also das Verstecken. Viele Frauen kompensieren über Jahre mit enormem Aufwand: Listen, Kontrolle, Perfektionismus, Vorbereitung bis in die Nacht. Von außen sieht das nach Stärke aus. Von innen kostet es alles.

Deshalb kommt der Zusammenbruch oft spät, und er kommt dann, wenn die Kompensation nicht mehr reicht. Nach einer Geburt. In einer neuen Position. In den Wechseljahren, in denen die hormonellen Veränderungen die Symptomatik zusätzlich verstärken können.

Der häufigste Auslöser für die Diagnose

Sehr oft ist es das eigene Kind.

Ein Kind bekommt eine Diagnose, die Mutter liest die Kriterien, und beim Lesen kommt ihr etwas sehr bekannt vor. Nicht beim Kind. Bei sich selbst.

Was eine späte Diagnose bringt

Die Frage höre ich oft: Was soll das jetzt noch ändern, ich bin fünfundvierzig.

Sie ändert vor allem eines. Sie beendet eine Erklärung, die dreißig Jahre lang falsch war. Der Satz, ich bin faul, unzuverlässig und irgendwie schwierig, wird ersetzt durch eine Beschreibung, die stimmt. Das klingt klein und ist es nicht.

Und sie macht eine Behandlung möglich, die zu Ihnen passt, statt weiterer Ratschläge, die für andere Gehirne gemacht sind.

Andreas Kirchner, M.Sc., klinischer Psychologe
Heureka Therapie, Karlsruhe

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