Andreas Kirchner

Der innere Mahnstempel: Warum ADHS so oft am Selbstwert nagt
– Beitrag

Kennst du diesen kleinen Stich? Du bringst das Buch zu spät zurück, vergisst wieder eine Frist, verlegst zum dritten Mal den Schlüssel – und irgendjemand sagt: „Schon wieder?“

Es sind nicht die vier Euro Mahngebühr, die wehtun. Es ist dieses eine Wort: schon wieder. Und der Satz, der danach in dir aufspringt: „Warum krieg ich nicht mal so einen einfachen Kram hin? Andere schaffen das doch auch.“

Das ist kein Zufall. Das ist ein Muster – und es hat eine Geschichte.

Ein einzelner Stempel ist harmlos. Tausend Stempel sind eine Landkarte.

Ein Kind mit einem Rennwagengehirn fällt im Alltag ständig auf. Nicht, weil es schlechter ist, sondern weil es anders klingt: zu schnell, zu laut, zu verträumt, zu viel. Und weil es auffällt, wird es häufiger korrigiert als andere. Tag für Tag, Jahr für Jahr. Irgendwann wird aus den vielen kleinen „schon wieder?“ ein innerer Stempel – einer, den du dir irgendwann selbst auf die Stirn drückst, bevor es jemand anderes tut: unzuverlässig, chaotisch, nicht gut genug.

Das Gemeine daran: Dieser Stempel fühlt sich an wie die Wahrheit. Dabei ist er nur eine alte Gewohnheit. Ein Satz, den du so oft gehört hast, dass du ihn irgendwann mit deiner eigenen Stimme nachsprichst.

Und hier wird es entscheidend: Alte Stempel verblassen nicht, weil du endlich perfekt wirst. Sie verblassen, weil du aufhörst, sie nachzudrucken.

Jedes Mal, wenn dir wieder etwas misslingt und du dir nicht den alten Stempel aufdrückst – sondern sagst: „Da war mein Rennwagengehirn. Kein Charakterfehler, eine Bauart.“ – entwertest du ihn ein Stückchen. Das ist keine Weichspülerei. Es ist die einzige Bedingung, unter der ein gestresstes Nervensystem überhaupt wieder klar denken kann. Sicherheit senkt den Alarm. Und erst dann kommt dein Motor zurück.

Der erste Schritt ist klein: Beim nächsten „typisch ich“-Moment schreib den Satz auf. Und darunter das, was du einem guten Freund sagen würdest, dem genau das passiert wäre. Diesen zweiten Satz sprichst du ab jetzt zu dir selbst.

Du trägst schon lange zu viele Stempel mit dir herum? In meiner Praxis arbeiten wir genau daran – nicht an dem, was schiefging, sondern an dem Blick, den du auf dich selbst hast. Schreib mir, wenn du magst.

Mehr dazu, wie eine ADHS-Abklärung bei Erwachsenen abläuft.

Andreas Kirchner, M.Sc., klinischer Psychologe, Heureka Therapie Karlsruhe

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